Abraham stammt aus Ur in Chaldäa. Die Stadt lag am Unterlauf des Euphrat und war für die damalige Zeit eine höchst moderne und reiche Königsstadt. Hier verehrte man den Mondgott Nanna, und möglichweise wurde Terach, der Vater Abrahams, von diesem Kult beeinflußt. Abraham war wohl noch ein Kind, als Terach mit seiner Familie die Stadt verließ und fast 1000 Kilometer nach Westen in die Stadt Haran zog. Man muß diese Geschichte einordnen in das Umfeld der semitischen Völkerwanderung, die sich im Vorderen Orient in der mittleren Bronzezeit (2100 - 1600 v. Chr.) abspielte.
Nach dem Tode Terachs spricht Jahwe zum ersten Mal zu Abraham und fordert ihn auf: "Zieh weg aus deinem Vaterhaus in das Land, das ich dir zeigen werde." (Gen 12,1) Abraham gehorcht und bricht von Haran nach Kanaan auf. Doch eine Hungersnot zwingt ihn und seine Frau Sara, nach Ägpyten weiterzuwandern. Auch dort ist kein Bleiben. Der Pharao hat ein Auge auf Sara geworfen, die Abraham für seine Schwester ausgibt, und überhäuft ihn mit Geschenken: Schafe und Ziegen, Rinder und Kamele, Knechte und Mägde. Abraham wird reich, aber als der Schwindel auffliegt, wird er aus Ägypten verbannt.
Abraham ist der Führer einer zahlenmäßig nicht unbedeutenden Sippe. Die Bibel erwähnt, daß er über mehr als 300 Mann verfügt (Gen 14, 14). Abraham führt das Leben eines nomadischen Hirten und Herdenbesitzers. Er wohnt in einem Zelt, hält sich nur für kurze Zeit an einem Ort auf und wandert dann wieder "von einem Lagerplatz zum andern, vom Negeb bis nach Bet-El." (Gen 13,2). Es gibt nur wenig Wasser in dieser Halbwüste, Weideland ist knapp. Abraham läßt Brunnen errichten, doch immer wieder kommt es zu Auseinandersetzungen mit anderen Hirten und zu Konflikten mit den Nachbarvölkern.

Gott begegnet Abraham in ganz gewöhnlichen Alltagssituationen: unterwegs auf der Wanderung, in einer sternenklaren Wüstennacht oder an einem heißen Sommertag, als Abraham am Eingang seines Zeltes sitzt und drei fremde Männer auf das Lager zukommen. Es entspricht dem ehernen Gesetz der Gastfreundschaft bei Hirtenvölkern, daß Abraham sie freundlich aufnimmt und bewirtet. Immer wieder bekräftigt Gott seine Zusage: "Ich werde deine Nachkommen zahlreich machen wie die Sterne am Himmel und ihnen das ganze Land zwischen Ägypten und dem Euphrat schenken." (Gen 15, 5 und 18) Doch er verlangt von Abraham einen Glaubensbeweis: Er soll seinen einzigen Sohn als Opfer darbringen. Welch ungeheuere Zumutung! Es war üblich, Schafe und Ziegen zu opfern - aber einen Menschen? Und wenn Isaak starb, wie sollte dann die Verheißung Gottes in Erfüllung gehen?
Ist Gott blutrünstig wie die Götter der Kanaaniter, die Kindesopfer verlangen, oder ein guter Hirte, der die Seinen behütet und schützt? Abraham weiß es nicht, seine Gottesvorstellung ist noch diffus; aber er gehorcht. Die Geschichte nimmt eine überraschende Wende: Als Abraham im Begriff ist, Isaak zu töten, erscheint der Engel des Herrn und hindert ihn. "Strecke deine Hand nicht gegen den Knaben aus, denn jetzt weiß ich, daß du Gott fürchtest; du hast mir deinen einzigen Sohn nicht vorenthalten." Statt des Sohnes wird ein Widder geopfert. In der christlichen Theologie und Kunst wird das Opfer Abrahams später verglichen mit dem Kreuzestod Christi.

Mit Abraham beginnt etwas, das nach biblischem Verständnis nicht endet: Der Segen Gottes für sein Volk und die Verheißung des gelobten Landes. Es ist eine wechselseitige Beziehung, kein Befehl von oben herab, sondern ein "Bund". Jahwe offenbart sich Abraham als der Gott, der "dich aus Ur in Chaldäa herausgeführt hat." Gott ist der Gute Hirte, der Abraham führt, der ihm einen Sohn schenkt und dessen Leben bewahrt. Er ist nicht an einem bestimmten, heiligen Ort zu finden, sondern begleitet den Stammesverband bei seinen Wanderungen. Jakob beginnt seinen Segen über Josef mit den Worten: "Gott, vor dem meine Väter Abraham und Isaak ihren Weg gegangen sind, Gott, der mein Hirte war mein Leben lang..." (Gen 48, 15) Als der von Gott Geleitete, wird Abraham selbst zum Hirten und Stammvater, die "Abraham-Kindschaft" zur Grundlage der Heilsgewißheit des jüdischen Volkes.

 

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