Das Bild des Hirten durchzieht die Geschichte des jüdischen Volkes und erfährt im Laufe der Jahrhunderte viele Veränderungen und Ergänzungen. Es beginnt mit der archaischen Erzählung von dem Hirten Abel, der von seinem Bruder erschlagen wird, geht über Abraham und Moses, die selber Hirten waren, bis hin zu den Königen und Propheten Israels. Mit Jesus beginnt etwas Neues. Er ist der erste, der von sich selber sagt: "ICH bin der gute Hirte!" Das schließt alles ein, was sich in der jüdischen Tradition mit dem Bild des Hirten und des Hirtendienstes verbinden und geht weit darüber hinaus: Hier bringt der Hirte nicht nur das Leben – er ist das LEBEN.

Es ist gewiß kein Zufall, daß die Geburt Jesu zuerst einfachen Leuten verkündet wird: Hirten, die bei ihrer Herde Nachtwache halten. Sie brechen auf, um das Kind zu suchen - den Hirten aller Hirten. In Jesus erfüllt sich die Hoffnung Israels auf einen neuen, messianischen David, wie ihn die Propheten verheißen hatten. Dieser Anspruch Jesu ist eine Provokation für die Hohenpriester und Schriftgelehrten - ein Konflikt der das ganze Evangelium durchzieht. Jesus nimmt in der Auseinandersetzung mit seinen Gegnern kein Blatt vor den Mund: „Alle, die vor mir kamen, sind Diebe und Räuber. Der Dieb kommt nur, um zu stehlen, zu schlachten und zu vernichten; ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben." (Joh 10, 8-10)
Jesus kritisiert alle, die ihre Macht als"Hirten des Volkes" mißbrauchen – zum Nachteil der einfachen Leute und des Glaubens. Er knüpft damit an die strafenden Worte des Propheten Ezechiel an: "Wehe den Hirten Israels, die nur sich selber weiden." Die Sünde der schlechten Hirten besteht darin, daß sie ihre Aufgabe als Mittler zwischen Gott und den Menschen mißbrauchen, die Tür zum Schafstall verschließen und den Schafen einen Weg weisen, der ins Nichts führt. Die schlechten Hirten schleichen wie Diebe bei Nacht durch die Hintertür, der Gute Hirte aber kommt durch das Tor. Er ruft die Schafe bei ihren Namen, und sie folgen ihm, weil sie seine Stimme erkennen. Das besondere Verhältnis des Guten Hirten zu seiner Herde zeigt sich im Wissen um jedes einzelne Schaf: "Ich kenne meine Schafe und meine Schafe kennen mich." Sie folgen keinem anderen, denn sie wissen sich in der Obhut des Guten Hirten geborgen. Er kennt ihre Bedürfnisse, er kümmert sich um jedes Schaf, er achtet darauf, daß keines zu kurz kommt und keines sich über die anderen erhebt.

Die Theologie des Guten Hirten bei Johannes beginnt mit dem Unterschied zwischen den Knechten und dem Hirten, dem die Herde gehört. Die Knechte fliehen, wenn Gefahr droht. Der Gute Hirte aber - so sagt Jesus zum Erstaunen seiner Zuhörer - gibt sein Leben für seine Schafe. Das hat vor ihm noch niemand behauptet. Sicher, die Herde war ein wertvoller Besitz, den man zu schützen versuchte - aber das Leben eines Hirten für ein Schaf? Jesus liebt alle, die an ihn glauben, jeden einzelnen Menschen. Er ist bereit, sein Leben für ihn hinzugeben. Er macht sich als Hirte den Schafen gleich, wird zum Pascha-Lamm, das geschlachtet wird. Fünf Mal sagt Jesus in dem kurzen Abschnitt des Johannes-Evangeliums, daß der Hirte sein Leben hingibt.
Seine Jünger verstehen diese Worte nicht. Sie begreifen nicht, daß Jesus das LEBEN ist. Johannes schließt deshalb an die Erzählung über den Guten Hirten den Bericht über die Auferweckung des Lazarus an. Hier zeigt Jesus, daß er Macht hat, den Tod zu überwinden. Jesus geht durch den Tod hindurch zur Auferstehung und führt die anderen Schafe durch dasselbe Tor, damit "es nur eine Herde gibt und einen Hirten." Er ist die Tür zu der "guten Weide", durch die die Menschen hindurchgehen sollen, um das Leben zu finden, so wie es David in Psalm 23 besungen hatte: "Der Herr ist mein Hirte, nichts wird mir fehlen. Er läßt mich lagern auf grünen Auen."

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