Ein Erdbeben erschüttert die Welt Schwestern vom Guten Hirten helfen in Nepal


Studenten des Jesuiten-Kollegs in Kathmandu halfen bei den Aufräumungsabeiten nach dem Erdbeben in Nepal.

Schwester Taskila Nicholas, Ordensfrau der Schwestern vom Guten Hirten, war einer der wenigen Menschen in Nepal, die zunächst nichts von der Katastrophe bemerkten. Als am 25. April 2015 ein Beben mit der Stärke von 7,8 auf der Richter-Skala das Land erschütterte, war sie gerade von Pokhara nach Kathmandu unterwegs, um dort eine neue Kommunität der Schwestern zu eröffnen. "Wir haben nichts gespürt, den wir saßen in einem fahrenden Bus, wo es immer wackelt", sagt sie. "Doch dann kamen plötzlich Telefonanrufe über Handy, und die Anrufer fragten: Seid ihr noch am Leben? - Da ahnten wir, was geschehen war." Der Bus hielt an, und die Menschen sahen, wie Wolken von Staub und Schmutz einen Flusslauf herabkamen. Zerstörungen waren aber nicht zu erkennen, so dass der Bus den Weg nach Dhading, der letzten großen Stadt vor Kathmandu, fortgesetzte.

"Als wir in Dhading ankamen, sahen wir, was das Erdbeben angerichtet hatte. Selbst solide gebaute Schulen und Gebäude waren eingestürzt," erinnert sich Schwester Taskila. "Wir konnten aber nicht wirklich einschätzen, wie stark das Beben gewesen war. Wir sahen weinende Menschen und viele Verletzte, die auf der Straße lagen und darauf warteten, ins Krankenhaus gebracht zu werden. Viele bluteten und hatten Knochenbrüche." Schwester Taskila, die aus Sri Lanka stammt und gerade zur Leiterin der neuen Kommunität in Kathmandu ernannt worden war, verstand die Katastrophe als einen Fingerzeig Gottes: "Das war eine spirituelle Erfahrung für mich. Ich begriff, dass Gott wirklich wollte, dass ich den Menschen in Kathmandu dienen soll. Auf dem Weg von Pokhara nach Kathmandu sind Gebirge auf der einen Seite und Flussläufe auf der anderen. Wer weiß, was hätte passieren können. Aber Jesus sagt mit dem Psalmisten: "Auch wenn du wandern musst durch ein dunkles Tal, ich bin bei dir, meine Hand wird dich leiten."

Irgendwie schaffte es der Bus am Abend über teilweise aufgerissene oder verschüttete Straßen bis nach Kathmandu, wo Schwester Taskila und ihre Mitschwestern bei den Jesuiten Unterschlupf fanden. Zwei Tage nach dem Erdbeben war Schwester Taskila bereits mit einem Caritas-Team unterwegs, um den Menschen in den kleinen Ortschaften rund um Kathmandu erste Hilfe zu bringen. Sie konnte dabei auf Erfahrungen zurückgreifen, die sie bereits bei dem Tsunami im Jahr 2004 und dem Erdbeben in Gujarat (Indien) im Jahre 2001 gemacht hatte. Vor dem Beben in Nepal hatten zwei Schwestern vom Guten Hirten geplant, in Kathmandu an der Schule der Jesuiten zu studieren und mit Mädchen zu arbeiten, die in Gefahr stehen, Opfer des Menschenhandels zu werden. Jetzt beschlossen sie, sich zunächst der Nothilfe und dem Wiederaufbau zu widmen. Schwester Lucy George übernahm die Leitung einer mobilen Klinik, die in der besonders schwer betroffene Region Gorkha westlich von Kathmandu eingesetzt wurde. "Obwohl viele Menschen ihr Angehörigen verloren haben, blieb ihnen keine Zeit zu trauern, denn die Suche nach Überlebenden war vordringlicher", sagt Schwester Taskila. "Aber eines Tages werden auch ihr Schmerz und ihre Trauer Platz fordern."


Zusammen mit der Caritas und Angehörigen verschiedener Ordensgemeinschaften brachten die Schwestern vom Guten Hirten erste Hilfe in die schwer betroffenen Erdbebengebiete.

Die Schwestern vom Guten Hirten übernahmen zusamnmen mit den Don-Bosco-Schwestern und Brüder, der Caritas, den Schwestern der Kongregation von Jesus und der nepalesischen Jesuiten-Gemeinschaft die Koordination der katholischen Hilfsaktionen nach dem Erdbeben. Unterstützt wurden sie u.a. von den Studenten der St. Xavier-Kollegs der Jesuiten. In den ersten Tagen brachten sie Zelte und Nahrungsmittel für rund 3.000 Familien mit zwei Bussen in verschiende Teile des Kathmandu-Tals. Außerdem halfen sie, den Schutt zu beseitigen und die Menschen über die Notwendigkeit aufzuklären, nur sauberes Wasser zu trinken, um der Gefahr einer Cholera-Epidemie vorzubeugen.
Inmitten der zerstörten Städte und Dörfer gab es auch Momente des Glücks. Schwester Taskila muss lächeln, wenn sie an das kleine Dorf Pokharatar denkt, das in der schwer betroffenen Region Gorkha liegt. Hier leben 85 Familien, die zwei verschiedenen Volksgruppen angehören. Fast jedes Haus wurde hier zerstört Seit dem Erdbeben haben die Dorfbewohner zueinander gefunden: die kochen gemeinsam und sorgen dafür, das jeder genug zu essen hat. Wo andere nur an das eigene Überleben denken, entwickeln die Bewohner von Pokharatar einen neuen Gemeinschaftsgeist - ein Umstand, den Schwester Taskila sehr berührt und mit Hoffnung für die Zukunft erfüllt. Was sie auch sehr beeindruckt, ist die Hilfe aus aller Welt. "Durch das Internet ist die Welt kleiner gworden", stellt sie fest. "Die Menschen spüren ihre soziale Verantwortung und sind bereit zu helfen.”
In Nepal leben nur rund 10.000 Katholiken. Die meisten Ordensmänner und Frauen, die hier arbeiten, kommen aus Indien, einige auch aus Korea and Europa. "Wir bieten unsere Hilfe allen Menschen an, egal, welcher Religion sie angehören", betont Schwester Taskila. Und eines ist für sie klar: "Alle Menschen leben von der Hoffnung. Es wird weitergehen, sagen sie. Wir haben überlebt..."

Melanie Lidman, Global Sisters Report