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"Holt die Kinder von der Straße"
Schwestern vom Guten Hirten betreuen Straßenkinder in Madagaskars Haupstadt



War das jetzt ein Scherz, oder hat es Jean-Pierre R. wirklich ernst gemeint? „Willkommen in meinem kleinen Schloss,“ hatte er gesagt. Und dabei sein bescheidenes Heim gezeigt. Nicht viel mehr als ein Verschlag aus Brettern, und halb zerrissenen Plastikplanen, mühsam zusammengehalten von ein paar dünnen Stricken. Ein Schloss? Natürlich kann das nur ein schlechter Spaß sein, oder die pure Verzweiflung über ein armseliges Dasein auf den Straßen von Antananarivo, der Hauptstadt von Madagaskar.
„Lachen Sie nicht," sagt die indische Ordensschwester Annamma Vattakottayil. „Denn Jean-Pierre ist wirklich stolz auf sein neues Zuhause." Sie kennt Jean-Pierre und seine Frau Bernadette seit einigen Jahren, und weiß, dass die beiden einen langen Weg hinter sich haben. „Als ich sie das erste Mal traf, da lebten sie auf der Straße." Sie schliefen am Wegesrand, auf dem Gehsteig oder unter einer Brücke. Jean-Pierre war alkoholabhängig, seine Frau schnüffelte Klebstoff. Und sie hatte gerade einen kleinen Sohn zur Welt gebracht. Irgendwo auf der Straße kam das Kind zur Welt. Fast ist es ein Wunder, dass es überlebt hat.
Toky ist heute sieben Jahre alt. Er besucht das „Centre Fihavanana", das Sr. Annamma und die Schwestern vom Guten Hirten im Stadtviertel Mahamasina betreuen. Das Haus liegt etwas versteckt auf dem Kirchhof der Pfarrkirche St. Joseph. Schon seit 1992 finden hier jedes Jahr rund 140 Kinder einen Ort, an dem sie lesen und schreiben lernen können, und mindestens zweimal pro Woche ein warmes Essen bekommen. Es sind durchwegs Kinder aus schwierigen Verhältnissen. Kinder, wie die von Bernadette und Jean-Pierre R.. Mühsam hat die Schwester Vertrauen aufgebaut. Die beiden hatten Angst, dass sich jemand in ihr Leben einmischt, und ihnen vielleicht die Kinder wegnimmt. Aber jetzt lassen ihren Sohn ins Zentrum gehen.



Ende Juni wird auf Madagaskar der Unabhängigkeitstag mit einem großen Fest gefeiert. Hier zeigt sich Madagaskar, wie das Land gerne sein würde: Eine eigenständige, stolze Nation, die das Joch des französischen Kolonialismus lange abgeschüttelt hat. Die wahre Geschichte aber, in der von Armut, Misswirtschaft und sozialer Ungleichheit die Rede sein müsste, soll an einem solchen Festtag lieber keiner allzu laut aussprechen.
Im Sportstadion, das gleich gegenüber des „Centre Fihavanana" liegt, marschieren Soldaten auf. Sie üben für eine eindrucksvolle Parade. Schüler aus teuren Privatschulen sitzen auf der Tribüne und schauen neugierig zu. Abends wird es noch ein großes Feuerwerk geben, das eine ganze Stunde lang dauern soll. „Dafür haben sie Geld", seufzt Sr. Annamma. Die meiste Zeit des Jahres muss ihr Zentrum ohne staatliche Unterstützung überleben. Einige Regierungsleute seien trotzdem bemüht, die Armut auf der Insel zu bekämpfen, betont die Schwester.

Heute hat sich sogar ein Besuch aus dem Stadtrat von Antananarivo - kurz "Tana" genannt - angekündigt. Zur Feier der Unabhängigkeit wollen sie eine Spende überbringen. Mehrere Säcke Reis, damit sich die Kinder über ein festliches Essen freuen können. Die Kinder und ihre Betreuer haben Lieder und Tänze einstudiert, die sie dem Gast präsentieren wollen. Aber der Besuch ist noch nicht da. Vielleicht steckt er im Verkehrsstau fest? Das halbe Land scheint in die Hauptstadt gereist zu sein, um den Nationalfeiertag zu begehen.

Auch die Armen hoffen auf ein Geschäft. Selten ziehen mehr bettelnde Kinder durch die Straßen von Tana als jetzt, nie gibt es mehr Kinder, die Luftballons oder einen Imbiss verkaufen. Ihre Eltern sind darauf angewiesen, dass die Kinder Geld verdienen. Das weiß auch Sr. Annamma. „Ich kann sie ja verstehen,“ sagt die Schwester. „Sie haben Angst, dass sie ohne die Kinder nicht überleben können.“ Aber das macht es so schwer, die Eltern davon zu überzeugen, dass sie ihren Kindern lieber Zeit für eine Schulbildung geben sollen.

Im „Centre Fihavanana" werden die Kinder allmählich ungeduldig. Sr. Annamma geht durch die Reihen, will ihnen die Wartezeit verkürzen. Auch ein Mädchen namens Faniry ist dabei. Die Schwestern haben sie dieses Jahr aufgelesen. Ihr Vater lebt an einer Straßenecke, die als Müllabladeplatz dient. Auf der offenen Seite eines Müllcontainers hat er sich eine notdürftige Unterkunft gebaut. Früher hatte er eine gute Arbeit als Chauffeur, fuhr den Wagen eines Politikers – aber als der sein Amt verlor, war auch der Job des Fahrers dahin. Der Mann kam nicht mehr auf die Füße, und wurde obdachlos. Heute lebt er zwischen Essensresten und Pappkartons. Aus dem Abfall sucht er Essen für sich und seine Kinder, ein paar halb verfaulte Bananen, oder an einem guten Tag vielleicht eine halb leere Schale Reis. Seine Tochter Faniry lässt er zu den Schwestern in den Unterricht gehen. „Weil sie etwas lernen soll," sagt der Vater. Fanirys Mutter lebt nicht mehr. Sie ist erst vor knapp zwei Wochen gestorben. Einfach so. Man hat sie zwar noch in ein Krankenhaus gebracht, doch es war bereits zu spät. Dass ihre Mutter tot ist, weiß das Mädchen noch nicht. Sie glaubt, dass sie demnächst aus der Klinik zurückkommen wird.



„Natürlich können wir keinen hundertprozentigen Erfolg haben", sagt Sr. Annamma. Dazu sind die Probleme zu gewaltig, und die Mittel zu begrenzt. „Aber etwas können wir doch erreichen", fügt die Ordensfrau hinzu. Ein wenig Schulbildung, mit der sich vielleicht eine weiterführende Klasse auf der Regelschule besuchen lässt. Ein paar handwerkliche Fertigkeiten, mit denen man am Straßenrand ein kleines Geschäft aufmachen kann. Etwas Stabilität im Leben, dazu die Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Und wenn sie auch nur aus einem kleinen Häuschen aus Plastikplanen besteht.
Der Regierungsmann meldet sich. Es sei ein dringender privater Termin dazwischen gekommen, lässt er ausrichten. Die Kinder warten vergebens. Sr. Annamma deutet auf die Kochtöpfe mit Reis, die für den Besuch vorbereitet waren: „Lasst uns etwas essen. Alle haben Hunger." Meistens muss man sich selber helfen. Das ist eine der ersten Lektionen, die man auf den Straßen von Tana lernt.

Text: Christian Selbherr / Fotos: Jörg Böthling