Hinter den Bergen liegt die HeimatSchwestern vom Guten Hirten helfen Flüchtlingen im Libanon


Was wünscht sich ein Elfjähriger, der schwer krank ist? Der mit seiner Familie aus dem syrischen Homs geflohen ist, als es so stark bombardiert wurde, dass seine Mutter ihn und seine Geschwister ins Auto zerrte und so lange fuhr, bis sie an den Soldaten vorbei die Grenze in den nahen Libanon passieren konnte? Was wünscht sich ein Junge, dessen wertvollster Besitz ein klappriges Fahrrad ist, auf dem er zwischen den Zelten seine Runde dreht, in denen seine Familie nun mit anderen Flüchtlingen aus Syrien wohnt?
Eine Geburtstagstorte! Mit elf Kerzen darauf ! Auch wenn das Ausblasen aufgrund des geringen Lungenvolumens Ahmad drei Anläufe kostet. Auch wenn er dabei die Kappe, die sein wichtigstes Utensil ist, da sie verbirgt, dass er keine Haare hat, gefährlich weit zurückrutschen muss. „Auch wenn“ ist eine Konstante im Leben des stillen, freundlichen Geburtstagskindes, das so viel schmächtiger ist als seine Altersgenossen. Hinter den Bergen, die man von dem Zelt, in dem Ahmads Familie wohnt, gut sieht, liegt die alte Heimat Syrien. Manchmal, früh am Morgen, wenn es ganz still ist hier in der Bekaa-Ebene, hört man Schüsse. Libanesische Hisbollah-Milizen kämpfen dort. Die einen sagen: gegen Rebellen, die einen gnadenlosen Diktator stürzen wollen. Die anderen sagen: gegen
schwer bewaffnete islamistische Gruppen, die Krieg und Terror bringen.
Die Bekaa-Ebene ist die Kornkammer des Libanon. Auf den fruchtbaren Böden zwischen den beiden Bergzügen wachsen Kartoffeln, Tabak, Mandeln. Die Gegend ist jedoch auch berüchtigt für ihren Exportschlager: den Roten Libanesen, Haschisch, dessen Erzeugung und Verkauf verboten und zugleich im Land und auf dem Weltmarkt begehrt ist. Derzeit boomt der Anbau, da die libanesischen Sicherheitskräfte mit der Sicherung der Grenzen zu Syrien beschäftigt sind und sich nicht um den eigentlich illegalen Anbau von rotem Mohn kümmern.
Ahmads Familie und rund 10.000 weitere Menschen aus Syrien haben, seit der Aufstand von 2011 in eine Bürgerkrieg mündete, ihre Zelte in den Dörfern von Deir el Ahmar aufgeschlagen. Ahmads Vater hatte vor dem Krieg saisonal als Landarbeiter geholfen. Wie viele andere Familien, die nun hier sind. Nun, seit das Leben in Syrien jeden Tag den Tod bedeuten kann, haben sie endgültig hier ihre Zelte aufgeschlagen: 10.000 Muslime aus Syrien bei den 10.000 christlichen Einwohnern von Deir el Ahmar. Dass die Kapazitäten nahezu erschöpft sind, spürt und hört man allerorten. Aber auch, und das ist bemerkenswert, dass das Zusammenleben friedlich verläuft, dass es keine signifikante Zunahme an Gewalt, an Unsicherheit gibt.
Miled Akoury, Vorsitzender des Stadtrats, kennt die Zahlen und die damit verbundenen Realitäten: „Heute ist wieder ein Schreiben eingetroffen, in dem einer unserer Bürger 15 syrische Familien als Erntehelfer einstellen will. Da frage ich mich schon: Wo sollen die Zelte stehen? Geht das?“ Akoury, ein Bauingenieur, der Jahre in Dubai und Bukarest gearbeitet hat, versucht, die Dinge geordnet zu halten. „1975 hatten wir wegen 400.000 Palästinensern Krieg. Daher sind wir vorsichtig mit den derzeit mindestens 1,5 Millionen syrischen Flüchtlingen im Land. Wir wollen nicht, dass sich unsere Gesellschaft komplett verändert.“ Doch dann sagt er noch etwas Wesentliches: „Aber was soll man tun, wenn die Leute in Syrien nicht mehr leben können? Es ist doch selbstverständlich, dass wir helfen.“



Für Ahmad, das Geburtstagskind, und die vielen anderen Kinder ist die größte Hilfe die Schule. Die öffentlichen Schulen haben sich spät auf die Flüchtlingskinder eingestellt, die dem Lehrplan, der im Libanon französisch geprägt ist, nur mit Mühe folgen können. 450 Kinder besuchen die Schule der Schwestern vom Guten Hirten. „Vormittags unterrichten wir die Kinder der Flüchtlingsfamilien. Nachmittags kommen libanesische Kinder, deren Eltern sie nicht schulisch unterstützen können“, erzählt Schwester Amira Tabet. Die Ordensfrau aus dem nahe gelegenen Baalbek hat in Albanien, im Senegal und in Frankreich gearbeitet. Und vier Jahre lang in Syrien. „Daher verstehe ich die Mentalität der Syrer besser als manch anderer, denke ich. Dort war manches möglich. Aber die Politik war tabu“, sagt sie. Sie weiß auch, wie wichtig es ist, dass auch libanesische Kinder Zugang zum Unterricht an ihrer Schule erhalten. Schwester Amira: „Unsere Gesellschaft steht vor einer Zerreißprobe: Wir stecken tief in der Wirtschaftskrise, wir haben keine funktionierende Regierung und wir haben Millionen Flüchtlinge im Land. Da darf man keine Ungleichheiten schaffen, sondern muss auch die einbeziehen, die selbst arm sind und trotzdem andere aufnehmen.“
Anfangs seien die syrischen Kinder aus den Zelten nur wegen des Essens gekommen, meint Projektkoordinatorin Siham Rahmeh. „Das hat sich vollkommen geändert. Sie haben gelernt, die Schule zu schätzen.“ Die Koordinatorin besucht immer wieder den Unterricht, um zu überprüfen, ob jedes Kind richtig gefördert wird. „Anfangs haben wir Kinder aus der gleichen Altersgruppe in einer Klasse zusammengefasst. Das ist jetzt nicht mehr möglich, die Unterschiede im Bildungs- und Reifestand der Kinder sind zu groß. Und viele haben traumatische Erlebnisse hinter sich, die verarbeitet werden müssen. Da bedarf es oft individueller Förderung.“



Roua Nayef gehört zu den Kindern, die sich in der Schule leicht tun. Sie sei auch schon zu Hause in dem kleinen Dorf nahe des syrischen Yabroud, 20 Kilometer entfernt von der libanesischen Grenze, gerne zur Schule gegangen, sagt sie. Und dass sie dankbar sei, dass sie hier wieder lernen könne. Doch dann treten ihr die Tränen in die Augen, die 12-Jährige beginnt zu schluchzen. Es fehlt so viel: das alte Zuhause, die Freunde von früher, das eigene Land.
Deir al-Ahmar von einer christlichen in eine christlich-muslimische Gemeinde. Ghassam Habchi ist Landbesitzer und baut Tabak an, aber auch Trauben, Oliven und Nüsse, denn vom Tabak allein könne man nicht mehr leben. Sieben Arbeiter aus Syrien arbeiten für ihn. Ihre Zelte sind auf Land aufgeschlagen, das ihm gehört. Noch beschäftigt ein Vorfall, der sich in der Woche zuvor ereignet hat, die Gemüter: Vier halbwüchsige Syrer waren nachts auf einem Motorrad unterwegs, ohne Licht, und prallten mit einem Auto zusammen: ein Toter und drei Verletzte. „Das ist fürchterlich, aber man muss solche Dinge in den Griff bekommen. Das sind eben junge Menschen, das kommt vor“, sagt Habchi. Er selbst sitzt im Rollstuhl infolge einer Schussverletzung, die er während des libanesischen Bürgerkriegs erlitt, jenes Krieges, der von 1975 bis 1990 tobte und dessen Folgen noch heute spürbar sind. Nach wie vor sind die Menschen bewaffnet, ist jedes Dorf bewaffnet. In der Bekaa-Ebene trennt eine Tankstelle die Felder der Christen von denen der Schiiten. Hinter der Tankstelle beginnt Hisbollah-Territorium. Dort liegt auch das berüchtigte Palästinensercamp, in dem 1975 der Krieg seinen Anfang nahm und in dem noch heute Terroristen Unterschlupf finden. Waffenhandel und Drogenlabore florieren, weil die libanesische Polizei sich nicht hineinwagt. Die Schwestern vom Guten Hirten wissen, dass sie gefährdet sind, aber das hält sie nicht von ihrem Engagement ab. Anfangs sei die Stimmung bei den Bewohnern in der Bekaa-Ebene gespalten gewesen, berichtet Schwester Micheline Lattouf. „Die einen waren voller Mitleid, die anderen wollten die Syrer schnell wieder loswerden." Nach viel Streit und mühsamen Gesprächen herrsche nun Einigkeit darüber, dass die Flüchtlinge so schnell nicht wieder gehen werden und man mit ihnen wird leben müssen.
„Unsere schnelle Nothilfe war nötig“, sagt Schwester Amira Tabet. „Aber nun müssen wir den Kindern Bildung ermöglichen und vor allem schauen, dass wir die Gesellschaft hier stabil halten können, denn sie steht vor einer Zerreißprobe“. Einer von denen, die hier für die Zukunft lernen, ist der elfjährige Ahmad. Vielleicht bleibt die nahe Heimat hinter den Bergen für ihn unerreichbar. Aber das Leben geht weiter.

Text: Barbara Brustlein
Fotos: Jörg Böthling