Kleine Frau mit großem Mut Festakt für Schwester Eufrasia beim Sommerfest in Münster


Schwester Cordis Ganslmeier und Stephan Schrade (rechts) eröffneten den Festakt zu Ehren von Schwester Eufrasia, die in Form einer von Mitarbeitern und Heim­bewohnern geschaffenen weißen Statue (links) beim Sommerfest anwesend war.

Das "Haus vom Guten Hirten" in Münster verdankt seine Gründung einer berühmten Frau: der heiligen Maria Eufrasia Pelletier. Am 6. Juli 2018 gedachten Schwestern, Mitarbeiter und Bewohner deshalb mit einem Jubiläumsfest des 150. Todestages dieser kleinen, aber mutigen Ordensgründerin.

Das Haus vom Guten Hirten in Münster wurde 1850 von Schwester Eufrasia gegründet. Der rührige und sozial engagierte Pfarrer Aumöller hatte die Schwestern in die stetig wachsende Provinzialhauptstadt Münster gerufen und ihnen eine Wohnung zur Verfügung gestellt. Zur ersten Oberin wurde Agnes von Rump ernannt, Tochter einer westfälischen Adelsfamilie. Die Schwestern kauften das "Obergethmannsche Haus" neben der St. Mauritz-Kirche, das sich jedoch bald als zu klein erwies. 1860 zogen Schwestern und Fürsorgezöglinge in das neuerbaute Kloster am Mauritzlindenweg ein. Heute widmet sich das "Haus vom Guten Hirten" schwerpunktmäßig Menschen mit psychischen Erkrankungen oder/und seelischen Behinderungen. Es wird, wie die meisten Einrichtungen des Ordens in Deutschland, von weltlichen Fachkräften und Mitarbeitern geleitet. Nach wie vor leben jedoch 10 Schwestern in Münster.

Schwester Eufrasia, klein von Gestalt, aber von großer Ausstrahlungskraft, war nicht nur eine geniale Organisatorin, sondern vor allem eine engagierte Erzieherin. Vieles, was später an Erziehungsmethoden in die Heilpädagogik einfloss, nahm sie vorweg. So verbat sie zum Beispiel jede Form körperlicher Züchtigung. "Ihr dürft die Mädchen niemals schlagen, misshandeln oder einkerkern. Es ist bekannt, dass damit nichts gebessert wird.." Der Aufenthalt in den Erziehungsheimen sollte nicht als Zwang verstanden werden, sondern als Chance für ein besseres Leben. "Achtet darauf, was die euch Anvertrauten brauchen, sei es für die Seele, sei es für den Körper. Bevor Ihr über religiöse Dinge sprecht, sorgt dafür, dass sie sich wohlfühlen und mit ihrer Behandlung zufrieden sind." Jeder Mensch war für sie ein Ebenbild Gottes und "mehr wert als die ganze Welt".

Seit mehr als 15 Jahren beschäftigen sich die MitarbeiterInnen des Hauses vom Guten Hirten in Münster verstärkt mit dem Leben und Wirken von Schwester Eufrasia sowie ihrer Bedeutung als Ordensgründerin, als Visionärin, als tatkräftiges Vorbild, als Sozialpädagogin der ersten Stunde, als moderne Managerin, aber auch als Heilige. Viele MitarbeiterInnen waren im Rahmen der Leitbildschulungen bereits in Angers in Frankreich, im Mutterhaus der Schwestern vom Guten Hirten und auf der Insel Noirmoutier, wo Sr. Eufrasia ihre Kindheit verbrachte. Besonders fasziniert alle, dass sie sozialpädagogisch ihrer Zeit so weit voraus war. Viele ihrer Gedanken sind auch heute noch hochaktuell.

Über allem das oberste Ziel der Erziehung, nämlich "Das Heil der Seele", gleichbedeutend mit dem Heil des ganzen Menschen. Die personalen Qualitäten des Erziehers - der in ihren Augen ein "Heilerzieher" war - sind neben dem Eifer und der Barmherzigkeit beispielsweise eine richtig verstandene Autorität. In diesem Sinne wird dem Kind keine fremde Form aufgeprägt sondern ihm geholfen, zu seiner Hochform zu gelangen mit der Wirkung eines geistigen Wachstums, zunehmender Reife und Tüchtigkeit. Der Erzieher sollte gegenüber der Kinder Vorbildfunktion übernehmen und nicht die Durchsetzung seines Ichs erreichen wollen. Selbstwerdung durch Selbstlosigkeit ist die Devise. Nächstenliebe und Dasein für andere Menschen sind wesentlich für die eigene Selbstverwirklichung. Des Weiteren bedeutete Schwester Eufrasia ein mitfühlender Umgang sehr viel: Kummer und Probleme der Kinder müssen geteilt und mitgetragen werden. Echtes emotionales Mitgefühl ist wichtig, damit sich das Kind verstanden fühlt, sich öffnen und Vertrauen entgegenbringen kann.