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Hoffnung für verlorene Kinder

Sie ist dort, wo Mädchen in Lebenskrisen sind. Wie Dana, die nie eine Geburtsurkunde bekam, weil ihre Familie sich ihrer schämte. Oder die Gefängniskinder, um Gegenwart und Zukunft beraubt. Clauda Achaia Naddaf leitet den Konvent der Schwestern vom Guten Hirten in Damaskus. Für ihre Schützlinge ist der Konvent das Tor zum Leben – einem neuen, freien Leben.

 

"Wenn es das Evangelium nicht schon gäbe, wäre es unser Auftrag, so zu leben, dass es neu geschrieben würde." Vor vielen Jahren beschloss Clauda Achaia Naddaf, sich ganz in den Dienst Gottes zu stellen. Sie trat den Schwestern vom Guten Hirten bei. Ihre Berufung erinnert sie als eine Geschichte von Liebe, Kampf, Eroberung, Vertrauen. Heute leitet Schwester Claude den Konvent ihres Ordens in Damaskus. Im Gewirr der engen Gassen und Häuserschluchten des alten Christenviertels ist es gar nicht leicht, das kleine Haus zu finden. Nichts an der schlichten Fassade zwischen Metzgerladen, Internetcafé und Näherei deutet auf die Oase der Ruhe, des Friedens hin, die sich hinter dem alten, fast abweisenden Gemäuer verbirgt. Mit Ausnahme eines schlichten Kupferschildes. Wer eintritt, muss zunächst den Kopf einziehen – zumindest, wenn er größer ist als Schwester Claude. Zu Zeiten der türkischen Besetzung hat man die Häusertore bewusst niedrig gebaut.

Mehr als eine Stätte der Geborgenheit
Drinnen sind die Geräusche der Stadt verschwunden. Ein kleiner Spring-brunnen beseelt den hellen Innenhof. Aus einem der Räume im Erdgeschoss dringt helles Lachen. Da geht’s zum Foyer, erklärt Schwester Claude. Seit vielen Jahren ist der Konvent Anlaufstation für Mädchen in schwierigen Lebenssituationen. Mädchen wie Amani, die seit einem Jahr bei den Schwestern lebt. Amanis Mutter ist früh gestorben, ihr Vater interessierte sich mehr für immer neue Frauen, als für seine Tochter. Keine dieser Frauen blieb lange, aber jede gab Amani zu verstehen, dass sie nicht in ihr Leben passe. Bis Amani das Gefühl hatte, überhaupt in kein Leben zu passen - und zum ersten Mal versuchte, sich umzubringen. Es blieb nicht bei diesem einen Mal. Das empfand ihr Vater als Schande. Amani hatte Glück: Ihr behandelnder Arzt in der Psychiatrie vermittelte sie an Schwester Claude. Seither wohnt Amani im Foyer – und bereitet sich auf ein eigenständiges Leben vor. Ihr Vater hat nie mehr nach ihr gefragt. Und doch: Zum ersten Mal in ihrem Leben empfindet sie Geborgenheit, Zugehörigkeit. Kaum etwas an der langhaarigen, attraktiven 17-Jährigen erinnert noch an das verängstigte, depressive Mädchen von früher. Im Gegenteil: Heute ist Amani so kraftvoll, dass sie Neuankömmlingen eine Stütze sein kann.


Eine davon ist Dana. Aus einer nie akzeptierten Verbindung ihrer muslimischen Mutter mit einem Christen stammend, sucht Dana heute verzweifelt nach ihrem Vater. Nur der kann die Unterschrift leisten, die Danas Existenz formal bestätigt. Was absurd anmutet, ist ein menschliches Drama: Weil Dana nie einen Pass besessen hat, konnte sie nie eine Schule besuchen, niemals eine Ausbildung beginnen oder bezahlte Arbeit finden. Seit Wochen korrespondiert Schwester Claude mit den verschiedensten Botschaften und Institutionen. Sie verfolgt jede Spur, die auf den Verbleib des Vaters hindeuten könnte.
Für Mädchen wie Dana und Amani ist das Foyer viel mehr als eine Stätte der Geborgenheit. Es bedeutet Hoffnung auf eine selbst gestaltete Zukunft. Wer immer von hier aus ins Leben "entlassen" wurde, behält zugleich ein Zuhause, in das er zurückkehren kann. Acht feste Schlafplätze hat das Foyer derzeit – die Schwestern träumen davon, das Haus zu erweitern. Oder gleich ein ganz neues Haus zu gründen am Rande der Stadt, wo es keine Nachbarn gibt, die verletzende Blicke auf die Mädchen werfen. Aber das braucht Zeit – und Geld.

Den Menschen ihre Würde geben
Donnerstag morgen. Lebendiges Treiben im Konvent. Mütter bringen ihre Kleinen in den Kindergarten. Schwester Claude macht sich auf den Weg nach Beit al Salam, ins "Haus des Friedens". Sie will mit Ahmed Sheik, dem Leiter, die nächste Schulung für seine Helfer besprechen. Als sie ankommt, ist die Arbeit schon in vollem Gange. 30 geistig behinderte junge Frauen und Männer haben hier eine Beschäftigung gefunden: Die Kerzen, Mosaikbilder und Schalen, die sie unter der Anleitung ihrer Betreuer herstellen, sind Verkaufsschlager in umliegenden Geschäften. 700 syrische Pfund (ca. 11 Euro) im Monat, die sie für ihre Arbeit bekommen, bedeuten für sie alle das erste selbstverdiente Geld. Ahmed Sheiks Ambitionen gehen noch weiter: Ausbilden will er die jungen Leute – Christen wie Muslime -, für die es in Syrien sonst keine Schulen gibt. Als nächstes will er PCs anschaffen, falls Schwester Claude und er genügend Spenden auftreiben, und Computerkurse anbieten.


Eine Glocke ertönt – das Zeichen für die tägliche Sportstunde. Fahrradergometer, Gymnastikmatten, Bälle und Ringe zeugen von regen Aktivitäten. Einmal pro Woche gar fährt ein Bus vor, der sie alle ins Stadion bringt. Dort trainieren sie für die Wettkämpfe gegen Behindertenmannschaften aus aller Welt.

 

Zurück im Konvent, sind auch die anderen Schwestern heimgekehrt. Schwester Lolita bereitet sich auf die Katechese vor, die sie morgen wie jeden Freitag mit irakischen Flüchtlingskindern in der kleinen Kirche von Massaken Barzé lesen wird. Morgen ist zudem ein besonderer Tag – einmal im Monat fährt sie mit den Kindern und einigen freiwilligen Helfern ins Don Bosco-Haus. Dort, auf dem großen Hinterhof, vergessen die Kinder für ein paar Stunden die Enge ihres täglichen Lebens und toben sich aus – bei Basketball, Wettspielen und Seilspringen.

Eine Vision gegen die Erschöpfung
Schwester Therèse indes sucht einen Moment der Stille. Den braucht sie immer, wenn sie vom schwersten ihrer wöchent-lichen Gänge heimkehrt: dem Besuch der Gefängniskinder. Jeden Donnerstag bastelt sie mit ihnen - gegen die Hoffnungslosigkeit. Jeden Donnerstag fällt ihr Blick beim Verlassen des Gebäudes auf jenen Wandspruch, der, ursprünglich für Elitestudenten gedacht, hier nur bittersten Zynismus ausdrückt: "Wer hoch hinauswill, muss die Nacht durchwachen."
Die Schwestern vom Guten Hirten haben viel Kraft. In Momenten der Erschöpfung ist es eine Vision, die sie weitermachen lässt: die Vision, dass Gott wieder erkennbarer werde im Tun der Menschen. Und dass Mädchen wie Dana oder Amani eines Tages vielleicht kurz den Kopf werden beugen müssen, wenn sie durch die niedrige Tür des Konvents in die Welt hinausgehen – nicht mehr jedoch in ihrem Leben.