Orden Engagement Einrichtungen Frauennetzwerk Fairer Handel Geistl. Impulse Links Impressum Home
 
 
Wie die Hoffnung wächst
Schwestern vom Guten Hirten engagieren sich in Ungarn für Zigeunerfamilien

"Es macht nichts, wenn Sie den Namen des Dorfes nicht aussprechen können", lacht Schwester Dorothea Schauerte. "Ich musste auch lange üben." Wir sind in Gyöngyösoroszi, einem kleinen Ort am Rande des Matra-Gebirges, 85 Kilometer nordöstlich von Budapest. Von den 1.600 Einwohnern sind ca 800 Zigeuner. Vier Schwestern vom Guten Hirten leben hier in einer internationalen Kommunität: Schwester Georgette aus Frankreich, Schwester Rita aus Ungarn, Schwester Regina aus Holland und Schwester Dorothea aus Deutschland.
Vor dem 2. Weltkrieg unterhielt der Orden in Ungarn große Einrichtungen für Mädchen. Unter dem kommunistischen Regime mußten 1950 die Schwestern innerhalb von zwei Stunden ihre Häuser verlassen und im Untergrund ihr Ordensleben weiterführen. Als dann der Eiserne Vorhang fiel, stellte sich die Frage: Wer hilft den Schwestern, sich wieder zu organisieren? In Frankreich meldete sich Schwester Georgette. Heute, nach 18 Jahren, ist sie immer noch in Ungarn, nachdem sie den ungarischen Schwestern wieder ein Zuhause gab und ein Frauenhaus in Budapest gründete. 1995 ließen sich die Schwestern vom Guten Hirten in Gyöngyösoroszi nieder, um soziale und pastorale Hilfe zu leisten, besonders für die Zigeunerfamilien. "Zigeuner ist hier kein Schimpfwort", erklärt Schwester Dorothea. "Die Leute wissen nicht nicht genau, ob sie Sinti oder Roma sind. Sie sagen: Ich bin Zigeuner und ich bin stolz darauf."

Katastrophale Verhältnisse
Wir gehen gemeinsam zu der Zigeunersiedlung am Rande der Ortschaft. Der Unterschied zu den kleinen, aber oft liebevoll gepflegten Häusern der Ungarn ist unübersehbar. Die Wände bröckeln und schimmeln, die Möbel brechen zusammen, Kinder schlafen auf schimmeligen Matratzen, Dächer kommen herunter. Die hygienischen Verhältnisse sind katastrophal. Es gibt keinerlei Kanalisation. Die meisten Familien haben kein Wasser im Haus, mitunter keinen Strom, keine Heizung. Sie holen das Wasser in Eimern von einer Pumpe. „Können Sie sich vorstellen, was das heißt, die Wäsche von zehn Kindern zu waschen ohne Waschmaschine, ohne fließend Wasser, ohne Waschpulver?“ fragt Schwester Dorothea.
Das Dorf verelendete, nachdem die Russen die nahegelegene Bergmine ausgebeutet hatten und es keine Arbeit mehr gab. Viele Ungarn zogen weg, doch wohin sollten die Zigeuner gehen? Kein Mensch wollte sie haben. Kein Ungar stellt einen Zigeuner auf Dauer ein. Schon die Schulkinder bleiben oft durch mangelhaften Unterricht auf der Strecke. „Macht nichts, sind ja nur Zigeuner!“ meinen viele.
Die Verachtung, die die Zigeuner erfahren, ist ebenso lebenslänglich wie ihre Perspektivelosigkeit. Die Arbeitslosigkeit bei den Männer beträgt 95 Prozent, bei den Frauen nahezu 100 Prozent. Die Männer versuchen, ihre Familien irgendwie über Wasser zu halten, begehen aus Not Straftaten und landen immer wieder im Gefängnis. Die staatliche Sozialhilfe reicht nicht aus. Fast jeder hat hohe Schulden. Unvorhergesehene Ausgaben für Arzneimittel, Krankenhausaufenthalte oder Todesfälle bedeuten, dass neue Schulden gemacht werden müssen und die Kinder betteln gehen. Viele Mädchen sind gefährdet, in die Prostitution abzurutschen, denn das ist oft die einzige Geldquelle. Die Kälte im Winter ist für viele eine Qual – ein halbes Dutzend Kinder deckt sich manchmal mit einer einzigen Decke zu. Am Ende des Monats hungert fast jede Familie. Dann helfen die Schwestern den Bedürftigsten mit Notpaketen. Sie kaufen Windeln, Gas zum Kochen, Holz zum Heizen, Zement und Gips zur Reparatur der Häuser. Die Kosten übersteigen mitunter die Möglichkeiten der Schwestern. Hilfstransporte und Spenden aus dem Ausland sind deshalb unschätzbar wertvoll.

Aber es geht nicht nur um materielle Hilfe. „Täglich haben wir Haus der offenen Tür“, erzählt Schwester Dorothea, „je zwei Stunden vormittags und nachmittags. Wir können nicht alle Nöte lindern; manchmal muss ein gutes Wort reichen, eine Ermunterung, ein paar Bonbons für die Kinder. Vielleicht sind andere Dinge noch wichtiger, damit ihre Würde und ihr Stolz ungebrochen bleiben, dass sie spüren: wir teilen gern mit ihnen Leid und Freud, wir respektieren sie voll und ganz. Ihnen in der lebenslangen Verachtung und Ausgrenzung ihre Würde erkennen zu lassen – das ist unser großes Anliegen.“ Die Schwestern hoffen, dass es ihnen gelingt, nach und nach ein soziales Netz zu flechten, in dem viele Zigeunerfrauen sich mitverantwortlich fühlen. Da sind die Frauen, die im Schwesternhaus, im Kinderhort und auf den Kleidermärkten mitarbeiten, da sind über 20 Frauen in der handwerklichen Werkstatt und da ist die Nachhilfelehrerin für die Schulschwänzer. Wöchentlich übernimmt eine junge Frau eine Kindergruppe, andere helfen Schwester Rita, die sich um die vielen alten und kranken Leute im Ort kümmert.

Hilfe im Zukunftshaus
Die wichtigste Einrichtung der Schwestern ist das "Zukunftshaus", das 2001 zur Bildung und Erziehung von Zigeunermädchen erbaut wurde. Den Bauplatz spendete die Gemeinde. Täglich von 13 bis 17 Uhr werden hier 25 Mädchen zwischen 9 und 15 Jahren in vielen Bereichen gefördert. Sie können ihre Begabungen entdecken, schulisch aufholen oder sich auf eine Ausbildung vorbereiten. Die Schwestern unterstützen auch Jugendliche, die in der nahegelegenen Stadt oder in Eger eine Ausbildung machen.
Die Werkstatt für Frauen ist gut besucht. Es bestehen sechs Gruppen, die sich im Turnus von sechs Wochen abwechseln, damit jede ein bisschen Geld verdienen kann. Die Frauen stellen Geschenk-artikel für viele Gelegenheiten her – Briefmappen, bedruckte Tischdecken, Gläser und Porzellan, Karten und Holzkästchen. Sie verdienen 400 Forint für eine Arbeitsstunde (rund 1.80 Euro). Neben der Herstellung der Produkte lernen sie Schlüsselfunktionen für gute Arbeit, ihr oft geringes Selbstvertrauen wird gestärkt.


Andersherum leben
Im Dorf ist der Anfang gemacht für ein soziales Netz. Vertrauen ist gewachsen. Die Frauen wissen, dass sie ohne Vorbedingung von den Schwestern akzeptiert werden. „Würde man die Zigeuner in unsere Muster zwingen – sie würden ihre Identität verlieren“, meint Schwester Dorothea.
Und manchmal fragen sich die Schwestern, ob die westliche Lebensweise die einzig richtige ist. Die Zigeuner leben „andersherum“, entgegengesetzt. In ihrer Welt sind andere Dinge wichtig – vor allem die Familie, der Zusammenhalten, das letzte Hemd hergeben für den, der es mehr braucht, das ganz kleine Glück wie eine Semmel am Morgen, das Gras unter dem Baum, wo man sich hinsetzen kann, der Genuß des Daseins - und sei es nur für einen kurzen Augenblick. Denn durch die ständige Not sind die Menschen aufgebrochen wie ein gepflügter Acker. Im Grunde ihres Herzens ersehnen sie mit allen Kräften den Einen, der ihre Verwundungen heilen kann, der ihnen ihre Menschenwürde wiedergibt, der sie nicht ausgrenzt, sondern bedingungslos annimmt. Vielleicht sind sie gerade deswegen oft wirklich religiös – aber auch dies „anders“: singend, tanzend, lachend und weinend, warmherzig. In der Kirche im Ort können sie das nicht ausleben. So bleiben sie fort und suchen sich andere Möglichkeiten. „Sie sind oft wie verlorene Schafe“, sagte Schwester Dorothea. „Darum sind wir Schwestern vom Guten Hirten hier – um sie zu suchen, um sie zu verbinden, zu tragen und ihnen zu zeigen, dass sie sehr geliebt sind.“

W.P.


Sr. Dorothea Schauerte berichtet über die Arbeit der Schwestern vom Guten Hirten in Ungarn.