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Stumme Schreie
Geschichten von Frauen, die niemand kennt

Die Schwestern vom Guten Hirten in Pattaya (Thailand) werden fast täglich mit den Geschichten von Frauen konfrontiert, die häus- licher Gewalt, Unterdrückung und sexueller Ausbeutung zu ent-kommen versuchen.


Wie ein welkes Blatt
"Mein Name ist Linda. Ich bin 20 Jahre alt und komme von der Insel Mindanao, die zu den Philippinen gehört. Meine Freundin und ich trafen einen Mann namens Tony, der aus Kuala Lumpur, der Hauptstadt von Malay- sia kam. Er sagte er könne uns einen Zeitarbeitsjob in einem Restaurant in Malaysia verschaffen und dass wir dort viel Geld verdienen könnten. Die Kosten für die Reise sollten wir dann später an ihn zurückzahlen. Ich war hocherfreut über dieses Angebot, denn ich sah endlich eine Chance, meiner Mutter finanziell unter die Arme zu greifen.
Nach einer Woche schickte uns Tony die Tickets für die Reise, aber sie waren für die Hafenstadt Zamboanga auf Mindanao, und nicht für Malaysia ausgestellt. Wir fuhren trotzdem los. In Zamboanga trafen wir Chris. Er brachte uns in ein Hotel und sagte, wir sollten dort warten, bis er Pässe für uns besorgt habe. Eines Abends kam dann ein anderer Mann und fuhr uns zum Hafen. Wir gingen an Bord einer Fähre und bekamen unsere Pässe. Ich war erschrocken, denn die Pässe enthielten zwar unsere Bilder, aber wir hatten andere Namen. Ich wurde misstrauisch, aber Chris sagte, es sei alles okay.
Einen Tag später machte unser Schiff in Sandakan auf Malaysia fest. Eine ältere Frau namens Joy holte uns ab und brachte uns zu ihrem Haus. Hier erfuhren wir, dass wir nicht in Kuala Lumpur, sondern in Kota Kinabalu arbeiten sollten. Zwei Tage später kam ein Chinese und machte Fotos von uns. Dann ging es mit dem Auto nach Kota Kinabalu. Joy brachte uns in ein sogenanntes Badehaus, wo wir arbeiten sollten. Ich bekam Angst. In dieser Nacht wurde ich von elf Männern missbraucht. Mein Körper war zerstört! Ich fühlte mich wie ein welkes Blatt, das zu Boden gefallen war. Wieso um alles in der Welt war es soweit mit mir gekommen? Ich hatte das Gefühl, dass Gott mich verlassen hatte.
Am frühen Morgen brachte man mich und meine Freundin in ein Appartement, wo wir zusammen mit anderen Mädchen eingesperrt wurden. Wir waren verzweifelt und suchten nach einer Fluchtmöglichkeit. Schließlich fanden wir einen Notausgang, der nicht verschlossen war. Eines der Mädchen hatte uns geraten, uns bei der philippinischen Botschaft zu melden. Also schlugen wir uns per Bus bis Kuala Lumpur durch. Ich war von der Reise völlig erschöpft. Es war mir fast egal, dass wir bei einer Kontrolle von der Polizei aufgeschnappt wurden. Wir rechneten mit dem Schlimmsten. Aber einer der Polizisten schien von Gott gesandt zu sein, denn er ließ uns zur Botschaft bringen. Dort wurden wir von einer Sozialarbeiterin in Empfang genommen, der unsere Situation offenbar nichts Neues war. Sie versprach, sich um unsere Ausreise zu kümmern. Dann brachte sie uns zum Haus der Schwestern von Guten Hirten. Hier war ich zum ersten Mal fähig, etwas Ruhe zu finden. Die Schwestern waren sehr freundlich und versicherten uns, dass wir bis zur gerichtlichen Anhörung bei ihnen bleiben könnten.
Nach vier Wochen stellte ich fest, dass ich schwanger war. Ich hatte starke Blutungen und wusste nicht, was das zu bedeuten hatte. Meine größte Sorge war, dass ich HIV infiziert sein könnte und die Krankheit auf mein Kind übertragen würde. Warum nur musste mein Kind für meine Fehler büßen?
Als ich dann mein Baby bekam, stellte man fest, dass es eine Hirnhautentzündung hatte. Gottseidank gelang es den Ärzten, die Krankheit zu heilen.
Unterdessen kam es zu der Gerichtsverhandlung. Ich betete zu Gott, er möge mir Mut schenken, vor Gericht auszusagen. So beantwortete ich dann alle Fragen und schilderten dem Richter genau, wie ich in die Prostitution gezwungen worden war. Jetzt warte ich jeden Tag darauf, in die Heimat zurückkehren zu können. In Malaysia habe ich die schlimsten Erfahrungen meines Lebens gemacht und hoffe nur noch, meine Familie wiederzusehen und für mein Kind ein besseres Leben aufzubauen. Die Schwestern vom Guten Hirten haben versprochen, mir auch weiterhin zu helfen."

Es ist nicht alles aus!
"Meine Name ist Mae. Meine Mutter starb zwei Jahre nach meiner Geburt, und mein Vater holte eine fremde Frau, die sich um mich und meine zwei Geschwister kümmern sollte. Später heiratete er ein zweites und ein drittes Mal und bekam weitere Kinder. Als Zweitälteste hatte ich die Aufgabe, mich um die Geschwister zu kümmern. Jeden Morgen entzündete ich zunächst die Weihrauchstäbchen vor dem Schrein unserer Ahnen. Dann weckte ich meine Geschwister, machte Frühstück und schickte sie zur Schule. Tagsüber wusch ich Kleidung, kochte und putzte. Mein Vater kam erst abends nach Haus. Oft war er betrunken und schlug er mich, weil ich angeblich nicht gut gearbeitet hatte. Eines Tages sah er mich mit einem Nachbarjungen sprechen. Da holte er einen Stock und verprügelte mich so sehr, dass ich kaum noch gehen konnte. Niemand kam mir zur Hilfe. Ich war völlig durcheinander, ging ins Badezimmer und versuchte, mir mit einer Rasierklinge die Pulsadern aufzuschneiden. Als mein Vater mich entdeckte, schlug er mich mit einem Stuhl zu Boden. Ich rannte blutend aus dem Haus und versteckte mich in der Garage eines Nachbarhauses. Dort entdeckte mich die Nachbarsfrau. Sie war geschockt über meinen Zustand und wollte die Polizei benachrichtigen. Ich bat sie, das nicht zu tun, weil ich Angst vor der Rache meines Vater hatte. Am nächsten Tag brachte sie mich dann in das Haus der Schwestern vom Guten Hirten. Ich war vierzehn Jahre alt. Die Schwestern begleiteten mich jeden Tag zum Arzt, der meine Verletzungen behandelte. Sie sagte, ich könne nicht nach Hause zurückkehren, denn dort sei ich nicht sicher. Also blieb ich bei den Schwestern. Ich war noch immer sehr durcheinander und ließ all meinen negativen Gefühlen freien Lauf. Aber die Schwestern waren geduldig, hörten mir zu und richteten mich wieder auf. Ich fühlte mich zum ersten Mal in meinem Leben angenommen und geliebt. Schwester Dorothee, die mich betreute, war wie eine Mutter zu mir. Sie sagte: „Es ist nichts alles aus. Es gibt viele Mädchen, denen es so wie dir ergangen ist. Aber für jedes Problem gibt es eine Lösung. Du musst nur Mut und Vertrauen haben.“
Das machte einen tiefen Eindruck auf mich. Ich begann, wieder an Gott zu glauben. Ich traf neue Menschen und lernte auch einen netten Jungen kennen. Ich hatte erst Angst, das den Schwestern zu erzählen, aber sie ermutigten mich, eine Beziehung aufzubauen. Ich besuche jetzt auch eine Schule und genieße es, jeden Tag Neues zu lernen.
Nach dem Tod meines Vaters kehrte zu meinen Geschwistern zurück. Ich habe bei den Schwestern gelernt, fleißig zu arbeiten, alleine klarzukommen und ein neues Leben zu beginnen."