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„Schwester, können Sie nicht jeden Tag kommen?"
Schwester Hilaria Puthirikal RGS berichtet aus dem Senegal

Am 22. Oktober 2009 bin ich hier in der Missionsstation in Mbour im heißen Senegal angekommen, worauf ich schon seit einem Jahr gewartet hatte. Für mich ist es ein neuer Anfang nach 24 Jahren Arbeit in Madagaskar. Alles ist anders: das Klima, die Bevölkerung, die Sprache, die Natur, die Bäume, die Pflanzen, die Häuser...
90 Prozent der Bevölkerung sind Muslime, knapp 10 Prozent Christen und Animisten. Unsere Missionsstation ist rund 80 Kilo- meter von der Hauptstadt Dakar entfernt. Ich lebe in einer Gemeinde von vier Schwestern vom Guten Hirten, davon zwei aus dem Senegal, eine aus Peru und ich selbst aus Indien. Eine gute Mischung! Seit 1996 existiert dieses Haus inmitten eines muslimischen Umfeldes. Am 28. November haben die muslimischen Familien das Opfer Abrahams gefeiert. Es war ein großes Fest, das eine ganze Woche dauerte. Traditionell wurde als Festschmaus ein Widder geschlachtet, und als Zeichen der Freundschaft brachte man uns einige Stücke Fleisch.
In Mbour haben wir ein kleines Wohnheim für sieben Mädchen zwischen 15 und 17 Jahren. Schwester Emma ist für sie verantwortlich. Unsere Konventsleiterin, Schwester Carmela, kümmert sich um die Kranken und Alten im Dorf und bringt ihnen jeden Freitag die heilige Kommunion. Die Menschen sind sehr dankbar für diesen Dienst.
Im Dorf gibt es eine kleine katholische Vorschule. Der Pfarrer hat uns gebeten, Religionsunterricht zu erteilen, weil er selber kaum noch dazu kommt. Unser Schulhaus hat nur ein einfaches Blechdach; die Stühle, die es einmal gab, sind längst zusammen- gebrochen, und die Kinder sitzen auf dem Lehmboden. Spielzeug besitzen sie keins; sie spielen im Sand. Da es sehr heiss ist und das Blechdach kaum schützt, haben sie immer großen Durst und brauchen viel Wasser, das wir in Eimern herbeischaffen. Viele Kinder kommen ohne Frühstück zur Schule und sind um zehn Uhr schon müde.
Es gibt drei Lehrerinnen für die Schule, aber sie sind wenig motiviert, weil sie vom Staat nur ein geringes Gehalt bekommen. Immerhin gelang es uns zu Weihnachten, gemeinsam mit den Eltern ein kleines Fest zu organisieren. Jedes Kind bekam ein Geschenk von uns und eine Kleinigkeit zum Knabbern. Anschließend sind sie überglücklich nach Hause marschiert.
Seit einiger Zeit betreue ich auch einige Gefangene im nahegelegenen Staatsgefängnis. 178 Männer und einige wenige Frauen sind dort inhaftiert. Allerdings darf ich als Ordensfrau nur zu den Christen gehen. Ein Polizist wacht sorgfältig darüber. Ich bringe den Gefangenen Kleinigkeiten mit, zum Beispiel etwas Kaffee oder Seife zum Waschen, denn so etwas ist hier Mangelware. Mit den christlichen Gefangenen haben wir auch einen Gottesdienst im Hof des Gefängnisses gefeiert. Sogar der Gefängnisdirektor gesellte sich zu uns. Nachher gab es fleischgefüllte Sandwiches, die wir in unserer Gemeinde vorbereitet hat- ten, und Getränke. Einer der Gefangenen sagte mir unter Tränen: „Schwester, können Sie nicht jeden Tag zu uns kommen?“ Die Freude dieser armen Menschen hat uns tief betroffen.
Zusammen mit Schwester Germaine habe ich vor einigen Wochen ein neues Projekt mit Frauen begonnen, die der Prostitution nachgehen. Wir treffen uns in einer Krankenambulanz mit einer Sozialarbeiterin. Durch diese Anlaufstelle haben wir Zugang zu den Frauen, die regelmäßig zur medizinischen Kontrolle dorthin kommen. Die meisten sind aus materieller Not in die Prostitution geraten. Wir versuchen, mit ihnen zu sprechen, sie zu beraten und eventuell andere Verdienstmöglichkeiten für sie zu finden, je nach ihren Fähigkeiten und Interessen. Das bedeutet auch, dass wir uns um die Kinder dieser Frauen kümmern müssen. Eigentlich sind sie schulpflichtig, aber sie gehen aus verschiedennen Gründen nicht zur Schule. Wir hoffen, dass es uns mit Gottes Hilfe gelingen wird, einigen der Frauen und ihren Familien neue Lebensperspektiven zu bieten.

Hilaria Puthirikal RGS